Forschung bedeutet Fortschritt und Veränderung

Forschung bedeutet Fortschritt und Veränderung – Tierschützer und Mediziner fordern die Einschränkung und letztendlich den Ausstieg aus Tierversuchen

Der Landestierschutzverband Baden-Württemberg zeigt sich sehr erfreut über ein aktuelles Positionspapier der baden-württembergischen Ärztekammer. Demnach vertreten die praktizierenden Ärzte im Land die Auffassung, dass nicht alle derzeit gesetzlich vorgeschriebenen Tierversuche noch notwendig sind und die Patientensicherheit nur bedingt als Begründung für Tierversuche geeignet ist.

„Viele der Tierversuche, für die auch dieses Jahr wieder tausende Tiere ihr Leben lassen werden, könnten längst durch moderne, tierleidfreie Methoden ersetzt werden. Wo es diese noch nicht gibt, wären mit entsprechendem Einsatz Neuentwicklungen durchaus möglich“, sagt der Vorsitzende des Landestierschutzverbandes Baden-Württemberg e.V., Stefan Hitzler. „Leider halten hier vor allem die Forschung, so mancher Behördenvertreter und nicht zuletzt auch die Politik verbissen an alten Methoden fest, statt sich endlich einem Umdenken zu öffnen. Umso mehr freuen wir uns nun über den offensichtlichen Sinneswandel bei der Ärztekammer in Baden-Württemberg.“ Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, ergänzt: „Die getätigten Aussagen der Ärzteschaft sind beinahe revolutionär. Landes- und Bundesregierung sind nun in der Pflicht: Wir brauchen einen politischen Ausstiegsplan aus Tierversuchen. Statt diese weiter zu fördern, müssen Gelder und Ressourcen mit aller Kraft in tierversuchsfreie Forschung fließen.“

Fast drei Millionen Tiere werden in Deutschland jedes Jahr für Tierversuche „verbraucht“. Baden-Württemberg ist auch im Jahr 2015 bundesweit trauriger „Spitzenreiter“ mit 461.538 zu wissenschaftlichen Zwecken verwendeten Versuchstieren. Den weitaus größten Anteil hatten Mäuse (325.572 Tiere) und Ratten (47.772 Tiere) zu tragen, aber auch 924 Schweine, 733 Hunde, 165 Javaneraffen, 20 Rhesusaffen und sogar 4.097 Hühner litten und starben für die Forschung. Dabei sind auch schwer belastende Tierversuche nach wie vor zulässig, denn eine unabhängige Prüfung und Bewertung der Versuchsanträge ist den zuständigen Behörden gar nicht möglich.

Wesentlich offener und zukunftsorientierter ist man aus Sicht der Tierschützer diesbezüglich im Nachbarland Holland. Das niederländische Landwirtschaftsministerium hatte im März 2016 das nationale Komitee für den Schutz von Versuchstieren beauftragt, einen Fahrplan zum schrittweisen Ausstieg aus der tierexperimentellen Forschung zu erarbeiten. Erklärtes Ziel war es, bis 2025 eine weltweit führende Rolle im Bereich der Innovationen ohne Tierversuche einzunehmen. Das seit Dezember 2016 vorliegende Ergebnis ist ein Strategiepapier, das erstmals für verschiedene Forschungsbereiche konkrete Vorgehensweisen und Zeitvorgaben aufzeigt, die darauf abzielen Tierversuche langfristig deutlich zu reduzieren oder ganz durch tierversuchsfreie Methoden zu ersetzen. „Eine bahnbrechende Initiative, die wir uns hier auch für Deutschland wünschen würden“ ist sich Hitzler mit seinem Bundesverband, dem Deutschen Tierschutzbund e.V., einig.2

Positionspapier der baden-württembergischen Ärztekammer:

Besonders folgende aktuelle Aussagen der Ärzteschaft stützen die Position der Tierschützer:

• Nicht alle heute gesetzlich vorgeschriebenen Tierversuche sind noch notwendig; es gibt Reduktionspotenzial, das im Sinne des Tierwohls genutzt werden muss.

• Die Patientensicherheit ist nur bedingt als Begründung für Tierversuche geeignet.

• Tierversuche in der medizinischen Ausbildung sind heute obsolet. Für alle früher mittels Tierversuchen vermittelte Lernziele gibt es heute technische Alternativen.

Hintergrund Tierversuche:

Bisher sind EU-weit und auch international in vielen Bereichen Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben. So gelten auch in Deutschland zahlreiche Vorschriften, in denen beispielsweise. für die Herstellung und Qualitätskontrolle von Arzneimitteln oder für Sicherheitsprüfungen, etwa von Chemikalien, Tierversuche verbindlich festgeschrieben sind. Dabei gibt es bereits zahlreiche moderne und aussagekräftigere tierversuchsfreie Methoden, mit denen wissenschaftliche Fragestellungen gelöst werden können und mit denen sich Verbraucher- und Umweltschutz sicherstellen lässt.

Darüber hinaus nehmen Tierversuche in der Grundlagenforschung stetig zu, 2015 wurden demnach laut Statistik bundesweit 59 % aller für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere für einen Bereich durchgeführt, der keinen direkt absehbaren Nutzen für Mensch, Tier oder Umwelt hat.

Nach Ansicht der Tierschutzverbände wird die Entwicklung von Alternativmethoden zu Tierversuchen politisch und auch von den Wissenschaftlern selbst immer noch viel zu wenig anerkannt und gefördert. Hier müsste in den Wissenschaftseinrichtungen dringend ein Umdenken stattfinden und – weg vom „Tiermodell“ – endlich die Forschung an alternativen Testmethoden mehr im Fokus stehen.

 

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